Hebammensituation

Hebammensituation-
aus Sicht der Hebammen des Geburtshauses im Mühlenkreis

Für uns ist der Hebammenberuf ein sehr schöner, befriedigender Beruf.
Wir schätzen die ganzheitliche Begleitung von Familien rund um die Entwicklung ihres Familienlebens.

Doch in den letzten Jahren gab es sehr viel Wirbel und viele einschneidende Veränderungen in unserem Beruf. Für viele Hebammen lohnte sich ihre Arbeit nicht mehr.

Im Jahr 2010 ging eine große öffentliche Bewegung durch die Reihen der Hebammen, interessierte Gesellschaftsschichten, Mütter, Väter, Großeltern, Politiker. Die Berufshaftpflichtversicherung wurde um mehr als 50% erhöht. Ist doch die Gruppe der einzahlenden Versicherten zu klein, um genügend Geld zu erwirtschaften, damit ein ev. Schaden, den ein Kind bei der Geburt erfahren könnte, ausreichend bezahlt werden kann. Der Beruf stand vor einem großen wirtschaftlichen Problem. Zahlreiche unserer damaligen Kolleginnen hatten daraufhin ihre Berufstätigkeit beendet. Geburtshäuser wurden geschlossen.

[bbgal=Fotogalerie] Diese Süßen durften Hebammen kennenlernen. Es lohnt sich zu kämpfen, damit der Start für unsere Kleinen leichter wirdDaraufhin gab es zahlreiche Demonstrationen, Proteste, Petitionen, Vorträge vom Hebammenverband im Bundestag, politische runde Tische, etliche Verhandlungen zwischen Hebammenverbänden, Politikern, Krankenkassen, Schlichtungsstellen und immer wieder Warnungen der Hebammen an die Politik und die Krankenkassen über den bevorstehenden massiven Hebammenmangel, der zu erwarten war. Diese Warnungen haben sich schlussendlich bewahrheitet. Es wurde intensiv gearbeitet, aber für viele Kolleginnen hat das Verhandeln zu lange gedauert.

Höhepunkt der beruflichen Verunsicherung für uns Hebammen war die Ankündigung der damaligen Haftpflichtversicherer, die bestehenden Versicherungsverträge nicht weiter zu verlängern. Das wäre dann wirklich das Aus für den Beruf gewesen.

Dann fand sich ein neuer Zusammenschluss von Haftpflichtversicherern und es ging weiter: Bis 2021 sind die Hebammen weiterhin versichert, müssen aber dafür eine enorme Steigerung der Haftpflichtsumme akzeptieren. Damit zahlte eine Hebamme, die außerklinische Geburtshilfe anbietet 7400 € Berufshaftpflicht im Jahr 2017. Bis 2021, steigt die Versicherung jährlich um ca. 550 €. Im Jahr 2019 liegen wir zurzeit bei 8173 €. Diese Kosten betreffen Hebammen mit dem Angebot der außerklinischen Geburtshilfe.

Dank des damaligen Gesundheitsministers Herrn Gröhe unterstützen uns die Krankenkassen seit 2015 mit der Übernahme von 74% dieser Haftpflichtgebühren, dem sogenannten Sicherstellungszuschlag. Eine Hebamme leistet zunächst in Vorkasse die Zahlung der Haftpflichtprämie. Wenn sie eine geburtshilfliche Leistung nachweisen kann, kann sie im Anschluss an die durchgeführte Leistung den Sicherstellungszuschlag quartalsweise beantragen. Fällt eine geplante außerklinische Geburtsbegleitung aus, ist die Beantragung jedoch nicht möglich. Muss also die Hebamme die Haftpflicht umsonst zahlen.

Außerdem erhielten wir 2017 eine erfreuliche Erhöhung der Bezahlung unserer Leistungen durch die gesetzlichen Krankenkassen. Trotz dieser Verbesserungen haben viele Hebammen nach diesen wirklich langen Jahren zermürbender Kämpfe und Warten auf Verbesserungen, ihren Beruf an den Nagel gehängt. Hatte sich für die Kolleginnen dennoch gezeigt, dass sie sich die außerklinische Geburt nicht mehr leisten und sie damit nicht mehr anbieten können und wollen. Grund hierfür waren nicht allein die Haftpflichtproblematik, sondern auch anderer begleitende Umstände wie die Einführung des Qualitätsmanagement.

Kurzfristig haben die genannten Änderungen den übrigen Hebammen eine Perspektive für die kommenden Jahre gegeben. Wir wünschen uns jedoch langfristige Sicherheiten für die Ausübung des Hebammenberufes in der außerklinischen Geburtshilfe. Es gibt Ideen aus Holland und England, die aber hier in unserer Politik leider kein Gehör finden. Denn nur die Politik kann diese Veränderungen herstellen. Dort gibt es steuergespeiste Fonds, aus denen den Hebammen die Haftpflichtversicherung bezahlt wird. In diesen beiden Ländern hat die außerklinische Geburtshilfe eine sehr große Akzeptanz, wird teilweise staatlich gefördert. Hebammen haben in diesen Ländern einen sehr hohen Stellenwert und fest zugeordnete Kompetenzen, wie die alleinige Versorgung der gesamten physiologischen Schwangerschaft. Wir würden uns diese Art der Haftpflichtfinanzierung auch für Deutschland wünschen. Jedoch ist uns klar, dass sich nicht alle berufspolitischen Entscheidungen eins zu eins auf andere Länder übertragen lassen.

Es hat sich aber auch in unserer Bevölkerung einiges in den letzten Jahren verändert. Für außerklinische Geburtshilfe in ständiger Dauerbereitschaft zu leben ist eine sehr starke Lebenseinschränkung. Kann man doch nicht einfach mal ins Kino fahren, wenn dort kein Handyempfang ist, oder sich spontan mit Freunden in Hamburg verabreden, wenn keine Vertretung gefunden wird. Immer liegt ein Handy auf dem Nachtschrank.
Diese Bereitschaft möchten besonders viele junge Hebammen, oder Hebammen mit Familie heute nicht mehr leisten, weshalb es ausgesprochen schwer ist, neue Kolleginnen für ein Geburtshaus zu gewinnen. Die Work-Life-Balance ist heute in aller Munde. Da ist es ja fast schon altmodisch, noch solche Dienste anzubieten. Auch die Risikobereitschaft, in eine selbst gegründete Praxis zu investieren, mit Geld und Zeit und Haftbarkeit, ist in unserem durchaus wohlhabenden, sicheren Land heute eher selten zu finden. Sich damit auch für einen längeren Zeitraum an etwas zu binden, ist das noch zeitgemäß?

Doch auch die Arbeitsbedingungen an uns Hebammen haben sich verschärft. Es ist ein hohes Maß an bürokratischem Aufwand hinzugekommen. Hebammen müssen mittlerweile ein Qualitätsmanagement vorweisen. Alle drei Jahre müssen Hebammen mit dem Angebot außerklinischer Geburtshilfe dieses durch ein externes Audit überprüfen lassen. Dies empfinden wir als zeitintensiv und teuer. Es ist wenig verlockend und schreckt daher viele Hebammen ab, sich in die außerklinische Arbeit hineinzubegeben, oder ihre altes Arbeitsangebot beizubehalten. Gute und qualitativ hochwertige Arbeit sollte die Voraussetzung all unseres Handelns sein. Nach den Berufsordnungen der einzelnen Bundesländer erfüllen wir unsere Fortbildungspflichten zum Erhalt unserer Kompetenzen. Wir sind interessiert daran, Qualität zu „liefern“. Uns ist dabei aber eine Machbarkeit im alltäglichen Arbeiten wichtig. Die Umsetzung des Qualitätsmanagements im Arbeitsalltag sollte immer noch genug Zeit für die Betreuten zur Verfügung lassen. Dieses Gleichgewicht ist für uns aktuell noch nicht spürbar.

Durch aktuelle Schließungen sehr vieler kleiner Kliniken aus wirtschaftlichen Gründen und der politischen Überzeugung, dass nur große Kliniken qualitativ verlässlich und wirtschaftlich arbeiten können, konzentriert sich die Geburtshilfe fast nur noch auf große Geburtszentren. 2000 Geburten im Jahr sind in diesen Häusern nicht selten. Da muss eine Hebamme pro Dienst schon mal vier Frauen begleiten. Wir glauben, jeder von uns kann sich vorstellen, was das für die Gebärenden und die Hebammen bedeutet. Ist das wirklich sichere Arbeit? Auch dieser erschöpfende Zustand veranlasst viele Kolleginnen, den Beruf aufzugeben, oder dann zumindest nicht noch zusätzlich in der freien Praxis Wochenbettbetreuung anzubieten. Und was das bedeutet, merken hier im Raum Minden-Lübbecke gerade viele Familien schmerzlich. Sie suchen eine Hebamme und finden keine mehr, die Zeit für Sie hat.

Das Ergebnis dieser Schließungen sind außerdem häufig lange Wege für Gebärende bis in die nächste Klinik. Und das mit Wehen und der evtl. Sorge, je nach Entfernung, Wetterlage, Schnelligkeit der Geburt, nicht mehr rechtzeitig im Kreißsaal anzukommen. Doch eine Hebamme auf dem Land zu finden, die evtl. zur Geburt kommt, ist heute fast aussichtslos. Da hilft dann evtl. nur noch ein Rettungsteam oder ein Notarzt.

In Deutschland gibt es ein wirklich umfassendes Angebot der Versorgung rund um das Familienleben. Viele Betreuungsansprüche wurden in den letzten Jahren gesetzlich verankert. Davon würden viele Kolleginnen anderer Länder träumen. Wir wünschen uns sehr, dass auch in Zukunft genug Hebammen diesen wunderbaren Beruf für sich entdecken werden, oder wieder enddecken werden.
Dass Hebammen sich nicht nur in der Klinik sehen, weil dort Gehalt und Arbeitszeiten sicherer sind. als es dies in der Freiberuflichkeit zunächst scheint. Hoffentlich erkennen Hebammen, dass der Spaß an der Arbeit nicht nur über die eben erwähnten Sicherheiten gegeben ist.
In wenigen Berufen gibt es eine solche Vielzahl an Gestaltungsmöglichkeiten, Möglichkeiten, eigenverantwortlich zu arbeiten. Wir hoffen sehr, dass bald wieder mehr Hebammen Lust und Freude finden, ihren Beruf neu zu gestalten und jungen Familien viele Angebote zu ermöglichen. Für etwas zu brennen bleibt attraktiv.
Das hoffen wir für jedes neue junge Leben.